top agrar, Deutschlands größtes landwirtschaftliches Fachmagazin, hat mich für die Ausgabe 6/2026 zu einem der dringlichsten Themen unserer Zeit befragt: Wie verändert künstliche Intelligenz unser Konsumverhalten? Im Speziellen: Beeinflusst sie unseren Milchkonsum? Und was bedeutet das für die Menschen, die Milch erzeugen?
KI entscheidet längst mit, ob jemand Vollmilch oder Haferdrink in den Warenkorb legt. Sie tut das leise, im Hintergrund, auf Basis von Trainingsdaten, die die deutsche Landwirtschaft oft schlecht kennen und häufig verzerrt abbilden.
Das Interview ist in der Ausgabe 6/2026 erschienen.
Herr Haase, wie sind Sie zu dem Thema künstliche Intelligenz und Ernährung gekommen?
Ich bin auf dem Land groß geworden, habe später in Berlin eine Metzgerei betrieben und Kommunikationsdesign studiert. Ich fand es immer spannend, die „Grabenkämpfe" zwischen Stadt und Land oder zwischen Produktion und Konsum zu schließen. Seit fast 20 Jahren arbeite ich in der Kommunikation rund um Lebensmittel und habe digitale Kommunikation von den frühen Blogs über Webseiten bis zu heutigen KI-Strategien begleitet. Bei diesen Fragestellungen habe ich zum Beispiel auch schon Verbände und Unternehmen beraten.
Warum ist KI für die Landwirtschaft und die Ernährung wichtig?
KI sollte man nicht als ein neues Werkzeug verstehen. KI ist eher wie Strom. Sie wirkt überall, oft ohne dass wir es bewusst merken. Bei der Produktion von Lebensmitteln wird sich KI künftig oder schon jetzt auf alle Stufen auswirken. Bei der landwirtschaftlichen Erzeugung kann künstliche Intelligenz beispielsweise helfen, komplexe Abläufe besser zu steuern. Bei Kaufentscheidungen hilft KI, Informationen vorher zu sortieren. Und deshalb ist mir wichtig: So wie Landwirte verstehen, wie ein Traktor funktioniert, sollten sie auch wissen, wie KI arbeitet.
Wo nutzen Landwirte und wo Konsumenten KI?
Da gibt es viele Beispiele. Künstliche Intelligenz bedeutet: Selbstlernende Algorithmen werten Daten aus und erkennen Muster. Im Stall ist das analytische KI, die etwa Krankheiten früh erkennt. Konsumenten dagegen nutzen vor allem generative KI, wie ChatGPT, die Texte und Empfehlungen erzeugt. Beide Formen werden immer wichtiger.
Beeinflusst also KI, wie wir uns ernähren?
Beim Einkaufen bietet KI ebenfalls den Vorteil, dass sie Daten verarbeiten und auswerten kann. Menschen ernähren sich divers und können sich von KI-Tools individuelle Rezepte oder Einkaufslisten erstellen lassen. Darin einfließen kann zum Beispiel, ob man Vegetarier ist, Unverträglichkeiten hat oder der Vorrat im Kühlschrank. KI kann auch Kaufentscheidungen beeinflussen, weil sie ihre Antworten an die mutmaßliche Lebenswelt der Nutzer anpasst. Beim Thema Milch zeigt sich das deutlich: Wer als urban eingeschätzt wird, etwa in Berlin-Mitte, bekommt eher milchkritische Antworten und ein Rezept mit Haferdrink empfohlen. Wer ländlich verortet wird, etwa in Schleswig-Holstein, erhält eher milchpositive Rückmeldungen. Wenn also KI-Assistenten künftig selbstständig Lebensmittel bestellen, dann beeinflussen sie damit direkt unsere Ernährungsweise.
Was sind die Risiken dabei?
Viele KI-Systeme kennen die Landwirtschaft schlecht. Man muss sich bewusst machen: Ihr Training basiert auf Internetdaten der letzten Jahrzehnte, inklusive Foreneinträgen, Kommentaren und so weiter. Insgesamt kommen sachliche Infos aus der deutschen Milchwirtschaft zu wenig vor. Häufiger zu finden sind kritische Berichte zum Beispiel über Massentierhaltung oder Antibiotika-Einsatz. Daraus entstehen Klischees und verzerrte Bilder. Wenn man fragt, wie viel Wasser pro Liter Milch nötig ist, sind die Quellen oft einseitig und kritisch gegenüber der Milchproduktion. Hinzu kommt, dass KI auch Unsinn erzählen und nicht existierende Quellen nennen kann. Dem muss man sich bewusst sein. Ansonsten könnten Vorurteile und Grabenkämpfe zwischen Stadt und Land wieder größer werden.
Kann man KI-Daten besser machen?
Ja, aber aktiv. Die Branche muss maschinenlesbare Inhalte mit echtem Nutzwert liefern. Werbeslogans interessieren KI-Modelle nicht. Wichtig sind Zahlen, Daten, Studien und reale Einblicke in Produktionsbetriebe. KI braucht valide Informationen. Sonst greift sie weiter auf einseitige Quellen zurück. Hierbei sind Verbände und auch Politik gefordert. Zusammen mit der Initiative Milch analysiere ich momentan unterschiedliche Antworten verschiedener KI-Systeme. Daraus sollen konkrete Empfehlungen für die Branche folgen.
Was raten Sie Landwirten?
Sie sollten sich mit der digitalen Welt beschäftigen, um ihre Souveränität zu behalten. Nicht alle Landwirte müssen in Social Media aktiv sein. Aber sie sollten grundsätzlich verstehen, wie KI funktioniert und wirkt. Und Milcherzeuger können ihre Daten als Wert begreifen, nicht nur als Nebenprodukt.
Welche Bedeutung hat die klassische Öffentlichkeitsarbeit auf dem Hof?
Sie ist sehr wichtig. In der immer digitaleren Welt wächst auch die Sehnsucht nach dem Analogen. Landwirte können ihre Arbeit auf dem Hof authentisch zeigen und erklären. Das direkte Gespräch bietet etwas, das KI nicht kann: echte Beziehung und echte Erfahrung.
Das Interview erschien in top agrar, Ausgabe 6/2026, Rubrik Rind. Der Originalartikel ist unter topagrar.com verfügbar ,
