Die Kondensmilch steht für mich sinnbildlich für den Wandel in der Lebensmittelwirtschaft. Darüber habe ich an diesem Vormittag im Deutschlandfunk Kultur gesprochen.
Vor 170 Jahren wurde sie patentiert, und ihre Geschichte wird oft als Revolution erzählt. Sie stammt aus einer Zeit, in der kontinuierliche Kühlung noch in weiter Ferne war. Produkte wie die Kondensmilch mussten sich damals selbst helfen, durch Einkochen und einen höheren Zuckeranteil. Seitdem hat sich unser Verhältnis zur Haltbarkeit von Lebensmitteln allerdings stark verändert.
Frische und Haltbarkeit werden heute in Zeiten smarter Lieferketten neu verhandelt. Kühlketten, Sensorik und Logistik entscheiden darüber, was im Regal landet und wie lange es dort bleibt. Der technologische Fortschritt verschiebt diese Grenzen und bringt so auch neue Produkte hervor. Die alte Frage bleibt trotzdem dieselbe: Wie bringen wir Lebensmittel sicher und verlässlich zu den Menschen?
Auch die Welt des Kaffees zeigt diesen Wandel. Klassischerweise gehörte Kondensmilch in den Kaffee. Der Kaffee war oft dünn, man musste ihn anreichern, und die gesüßte Milch gab dem Morgen einen zusätzlichen Energieschub. Heute läuft im Bahnbistro und beim Bäcker um die Ecke der Vollautomat. Trendwellen wie die italienische Kaffeekultur und zuletzt die Third Wave mit teuren, hell gerösteten Filterkaffees, die schwarz getrunken werden, machen es der Kondensmilch zunehmend schwer. Durch überlagerte Foodtrends hat sich ihre Verwendung deutlich verändert.
Spannend ist trotzdem, dass Produkte wie die Kondensmilch heute wieder als Foodtrend taugen, obwohl ihr eigener Trendmoment über 100 Jahre zurückliegt. Der vietnamesische Kaffee mit gesüßter Kondensmilch ist inzwischen auch hierzulande beliebt. Migration und Trends haben ihn zum Teil der zeitgenössischen Ess- und Trinkkultur gemacht.
Entscheidend bleibt der Geschmack. Ein Produkt überlebt nicht, weil es erfunden wurde. Es überlebt, wenn es sich geschmacklich durchsetzt.
Die Kondensmilch zeigt vor allem eines: Produkte entscheiden nicht mit ihrer Erfindung, ob sie bleiben. Sie bleiben, wenn sie in neue Zusammenhänge passen.
