Neue Studie: Digital Food Monitor 2026 – Zwischen Pilot und Praxis

Der neue Digital Food Monitor ist da. Bereits zum zweiten Mal haben Engel & Zimmermann und ich Entscheider der deutschen Lebensmittelwirtschaft gefragt, wie sie es wirklich mit Künstlicher Intelligenz halten.

Unter den Teilnehmenden sind neun Branchen, von der Fleischverarbeitung über Molkereiprodukte bis zu Getränken, mit Jahresumsätzen von unter 10 Millionen bis über eine Milliarde Euro.

Besonders in diesem Jahr: Gut die Hälfte der Antworten stammt aus der Fleisch- und Milchbranche, im Vorjahr waren es noch 35 Prozent. 27 Fragen haben wir dieses Jahr gestellt in sechs Themenblöcken, darunter erstmals Dateninfrastruktur und KI-Governance, sowie ein neues Bayern-Special, das wir gemeinsam mit dem Cluster Ernährung am Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) entwickelt haben.

Die wichtigsten Veränderungen von 2025 auf 2026

Die Kernbefunde 2026

KI ist strategisch angekommen. 81 Prozent der Befragten halten KI für wettbewerbsentscheidend, im Vorjahr waren es noch 59 Prozent. Die Grundsatzfrage der Branche ist damit beantwortet.

Dafür steckt die Branche in der Skalierungsfalle. Nur jedes neunte Unternehmen hat einen KI-Piloten erfolgreich in den Regelbetrieb überführt. Ein weiteres Drittel entwickelt weiter, ohne den Sprung in die Fläche zu schaffen. Der Weg vom Experiment zum produktiven System ist der neue Engpass.

Das Datenfundament fehlt. Ganze 2,7 Prozent verfügen über eine KI-fähige Echtzeit-Infrastruktur, vier von zehn nutzen ihre Daten kaum oder gar nicht strukturiert, und kein einziges Unternehmen traut seiner Belegschaft eine sehr gute Datenkompetenz zu. Die größten Hürden sind nicht mehr die Technologie oder das Budget, sondern IT-Ressourcen und internes Know-how.

Erstmals schlagen die ethischen Bedenken richtig aus. Kontrollverlust ist mit 78 Prozent die neue Leitsorge der Branche, nach 36 Prozent im Vorjahr. Die Angst vor Jobverlusten und sozialen Folgen ist von 8 auf 38 Prozent gestiegen. Bemerkenswert: Diese Ernüchterung geht nicht mit Ablehnung einher. Die Branche glaubt fester an die Technologie und fürchtet sie zugleich mehr.

Digitale Souveränität steht weit vorne. Zwei Drittel wollen ihre KI-Systeme auf europäischer Infrastruktur laufen lassen. Aber nur ein Viertel weiß verlässlich, wo die eigenen Daten bei externen Tools liegen, und nur ein Viertel hat die Datennutzung umfassend vertraglich geregelt.

Der politische Rückenwind fehlt. Fördermittel werden praktisch nicht genutzt, gut zwei Drittel bewerten die staatliche Unterstützung als unzureichend. Und die Umsetzungslücke bleibt: Fast jedes zweite Unternehmen hat keine einzige KI-Leitlinie, jedes dritte hat sich mit dem AI Act noch nicht befasst.

Die Branche in der “Pilot-Falle”

Mit dabei: Hochkarätige Expert Voices

Besonders freue ich mich, dass in dieser Ausgabe des Monitors starke Stimmen aus Praxis und Wissenschaft zu Wort kommen und zwar genau an den Stellen, an denen es teilweise wehtut.

Friedemann Wecker, geschäftsführender Gesellschafter der Bauck GmbH, sagt: „KI kann im Mittelstand helfen, fehlende Kapazitäten teilweise abzufedern – nicht indem sie Fachlichkeit ersetzt, sondern indem sie Fachleute wirksamer macht."

Prof. Dr. Christian Krupitzer, Professor für Lebensmittelinformatik an der Universität Hohenheim, sagt: „Ein Pilot lässt sich mit ein paar Engagierten fahren. Regelbetrieb braucht Menschen, die im Alltag verstehen, was das System vorschlägt. Datenkompetenz ist die Bedingung für Skalierung."

Dr. Katharina Schüller (STAT-UP), eine der profiliertesten Expertinnen für Data Science und Statistik, mit einem Plädoyer für Datenkultur unter dem Titel „Alphabetisierung vor Automatisierung".

Und aus der Branche selbst der KI-begeisterte Diplom-Braumeister Michael Seip, Geschäftsführer Technik der Flensburger Brauerei, der erklärt, wie KI-Investitionen auch gegen den konjunkturellen Strom gelingen:

„Wer KI als IT-Projekt delegiert, wird unserer Meinung nach scheitern. Wer es als Führungsaufgabe begreift, hat eine Chance." Und zur Souveränität: „Wenn wir das nicht strukturiert angehen, entsteht ein Flickenteppich aus Insellösungen – und unsere Daten wandern unkontrolliert ab. (…) Datensouveränität war für uns keine Nebenbedingung, sondern Grundvoraussetzung."

Mein Fazit: Fang nicht mit dem Werkzeug an

Was empfehle ich einem Hersteller, der sich mit KI auseinandersetzt?
Drei Dinge.

Erstens: Fang nicht mit dem Werkzeug an, sondern mit der Frage, was dein Unternehmen im Kern besser machen soll. Wer KI einführt, nur um dabei zu sein, bekommt Tools. Wer KI einführt, um ein konkretes Problem zu lösen, bekommt neue Fähigkeiten. Suche die drei Stellen, an denen dein Wissen am dichtesten vorliegt, und beginne dort. Genau dort ist der Hebel am größten, und genau dort wird es auch unbequem, weil Verantwortungen neu verteilt werden müssen.

Zweitens: Behandle deine Daten wie einen Rohstoff, nicht wie Abfall der Prozesse. Niemand würde Milch unkontrolliert durch die Halle laufen lassen. Bei Daten tun es viele täglich. Wer nicht weiß, was er hat, wo es liegt und wem er es überlässt, verhandelt seine Zukunft aus einer sehr schwachen Position.

Drittens: Nimm die Leute mit, bevor sie Angst bekommen. Das gelingt nicht mit einer einmaligen Schulung, sondern mit echten Erfahrungsräumen, in denen Menschen ausprobieren, scheitern und danach zum Mitreden eingeladen sind. Die Zahlen dieses Jahres zeigen, warum das dringlich ist: Erstmals gilt die Akzeptanz in der Belegschaft als größere Hürde als die in der Führungsetage.

Und wo stehen wir in fünf Jahren? KI wird in der Anlage stecken, im Einkauf, im Rezeptarchiv, im Kontakt mit der Kundschaft. Die spannendste Entwicklung erwarte ich nicht bei den großen Modellen, sondern bei den kleinen: spezialisierte Systeme, trainiert auf dem Erfahrungswissen eines Betriebs, die verstehen, warum ein Teig an einem feuchten Julitag anders reagiert. Viel von diesem intrinsischen Wissen, das in Köpfen, Notizbüchern und Handgriffen steckt, geht in den nächsten Jahren in Rente. Es über mitlernende Algorithmen nutzbar zu machen, ist eine enorme Chance.

Die Zukunft ist längst da. Es geht jetzt darum, wem sie gehört und wer Zugang zu ihr hat. Reden wir darüber und gestalten wir sie. Zusammen.

👉 Den vollständigen Digital Food Monitor 2026 gibt es kostenlos unter digitalfoodmonitor.com