"Es ist nicht leicht, eine Bezeichnung für das zu finden, was Hendrik Haase macht. Er selbst nennt sich kulinarischer Aktivist. Er ist 31, hat Kommunikationsdesign studiert und sich früh für Slow Food engagiert; auch weil ihn, den Jungen vom Dorf an der Nordsee, der noch mit Wurstkesseln und der "Ahle Wurscht" seiner Selbstversorger-Oma aufwuchs, eine Frage sehr beschäftigt hat, als er nach Berlin kam: "Warum ist von dieser Welt, in der sich nachvollziehen ließ, wo unsere Lebensmittel herkommen, so wenig übrig geblieben?"

"Heute lebt Haase in Neukölln, ist aber Teilhaber an einem Landwirtschaftsprojekt. Er baut an, wurstet, organisiert Foodhappenings, bringt Leute zusammen, hält Vorträge, fotografiert, malt und ist Autor."


"In den Augen der Lebensmittelindustrie sind Quereinsteiger wie Hendrik Haase die neuen Partisanen im Kampf um den Konsumenten."


"Einer der derzeit wichtigsten Zukunfts-Foodisten."



"Früher ging es darum welche Band du hörst - heute welches Restaurant du kennst oder welche Kartoffel bei dir zuhause liegt."

Radio-Feature aus dem Bayrischen Rundfunk



"Wie ein Food-Aktivist die Ehre des Fleischs retten will"

"Es geht darum, die Wertschätzung für die Wurst wieder zurückzubringen. Mit allem, was dazugehört, vom Züchter der Schweine über den Bauern bis zum Metzger", sagt Haase. 


"Wenn man Politik herunter bricht auf die Frage, wie wir Gesellschaft gestalten wollen, dann spielt Essen eine wichtige Rolle", sagt Hendrik Haase. Der Kommunikationsdesigner hat sich dem guten Essen verschrieben - nicht nur privat, sondern auch als Food-Aktivist. Er versucht, das Thema "gutes Essen" - vor allem auch die politische Seite unserer Ernährung - durch originelle und medienwirksame Aktionen an die Leute zu bringen.


"wurstsack – kein Name, mit dem Staat zu machen ist. Denkt man. Doch dem Kommunikationsdesigner Haase ging es immer schon um die Wurst, wörtlich und im übertragenen Sinne. Von der Idee der Wurst als schützenswertes Kulturgut, war es nur noch ein kleiner Schritt zum Thema Fleisch und all den anderen dringlichen Fragen zu Ernährung und Genuss. Und so begann der Mann mit dem Zylinderhut unbequem zu werden, nachzufragen, bei den Großen der Lebensmittelindustrie, bei der Politik. Weil aber Schwarzseherei und Granteln allein nicht sein Ding ist, klagt Haase nicht nur nachhaltig (an), er zeigt immer auch Lösungswege, besucht Landwirte, Fleischer und Produzenten, die alternative Konzepte pflegen, ist selbst aktiv."


"Essen ist mehr als ein schöner Filter auf Instagram" sagt Hendrik Haase. Der Designer mag schöne Fotos und pfiffige Rezepte. Vor allem aber mag er gutes Essen, das regional und nachhaltig erzeugt wurde, mit Leidenschaft und Sachverstand. Genau darin liegt seiner Meinung nach das Problem: "Wir sehen einen Wissensverlust im kulinarischen Bereich", sagt Haase, "wir wissen heute mehr über die Apple Watch als über Brot und Wurst."



"Das Politischste, was du in der Küche tun kannst, ist selber kochen."

Dass in der Wurst viel Politik steckt, weiß Hendrik Haase. Über seine Recherchen zum Lebensmittelmarkt ist er auf die Slow Food Bewegung gestoßen. Während einer internationalen Konferenz der Bewegung wuchs in ihm das Bewusstsein, dass jeder über sein Konsumverhalten und seinen Lebensmittelverbrauch nachdenken sollte.


„Ich kann dir mit der Wurst die Welt erklären“, sagt Hendrik Haase beim Interview in Berlin. Därme sind nämlich nicht nur mit Fleisch, Fett, Salz und Gewürzen gefüllt. Sondern auch mit den großen Themen des Lebens. „Umwelt, Menschenrechte, Landwirtschaft, Politik, Konsum, Kinder, Bildung – das steckt alles in der Wurst.“


Den Schlüssel zum Erfolg (des Lebensmittelhandwerks) sieht Haase in Netzwerken. Kein Neid unter Kollegen, sondern Gemeinschaftsprojekte, und vor allem: Kontakt zu den Produzenten, zu Bauern und Züchtern, Einfluss nehmen auf Getreidesorten, Tierrassen und Futter. Vorreiter gebe es schon einige, nicht nur in den Großstädten. „Revival des Handwerks“ nennt er das: „Dann hat man Produkte, auf die man stolz ist.“



stern: Was könnte Lidl besser machen, was würden Sie sich wünschen von einem Discounter wie Lidl? 

Haase: Ich würde einfach mal Taten sprechen lassen. Ich erwarte von solchen Riesen handfeste Bemühungen. Warum ist Lidl nicht endlich mal ehrlich? Wurst oder Käse liegen nicht auf einem Holztisch, wie in der Werbung von Lidl suggeriert wird, sondern sie kommen aus der Fabrik. Warum darf der Verbraucher das nicht erfahren? Das wäre ehrlich, das wäre die Realität. So schlimm wäre das vielleicht gar nicht. Aber Lidl weiß wahrscheinlich auch, dass die Verbraucher das noch nicht verstehen würden. Qualität kann man behaupten, Transparenz vertragen die Leute manchmal ganz schwer. Aufklärung, das Heranführen der Verbraucher an eine andere Lebensmittelproduktion, das wäre wichtig.

 

stern: Was könnte Aldi anders machen können?

Haase: Wenn sie nur ein Produkt einfach gut machen würden. Und der neuen Food-Bewegung zuhören würden. Machen sie aber nicht. Sie machen es wie immer verkaufen es aber neu. Bio ist bei Aldi überhaupt kein Standard sondern eine Reaktion auf einen Trend. Die neue Faszination für alles was essbar und lecker ist ist so groß geworden dass sich Discounter wie Aldi und auch Lidl dazu genötigt fühlen zu reagieren. Das Ding ist nur dass Aldi den gesellschaftlichen Wandel unterschätzt.


"Ich will einfach keine Produkte von Arschlöchern essen!"

Ein Gespräch mit Hendrik Haase über Sinne, Wertschätzung, Bewusstsein, und die alte Frage: was essen?


Im Podcast von Holger Klein reden wir über Terra Madre, Urban Gardening, Kochen, Essen, Lebensmittel, Alice Waters, das Speisegut in Gatow, Kartoffeln, Wurst, den Salone del Gusto, die Arche des Geschmacks, Kartoffeln, Hühnchen, Fleisch, die Schnippeldisko, Foodwatch und geile Gemüsesuppe.


Hendrik Haase ist nicht nur ein fantastischer Koch, wie wir bei unserem Interview am eigenen Leib erfahren durften, sondern vor allem ein sehr engagierter Food Aktivist, der den Menschen gesunde Ernährung wieder näher bringen und ihnen vermitteln möchte, wo das Essen herkommt und wie einfach das ganze eigentlich sein könnte. Wir haben ihn zum Kitchentalk in seiner Küche getroffen.


Anstoßen, überraschen, irritieren — so lässt sich vielleicht am ehesten das Grundmotiv allen Wirkens des Food-Aktivisten beschreiben. Und das ist nicht wenig. Geht es ihm doch um nichts Geringeres als um die Rettung des „kulinarischen Weltkulturerbes“, wie er sagt.


ZEIT ONLINE: Sie halten am Samstag auch einen Vortrag zur Zukunft der Wurst. Was sind ihre Thesen?

Haase: Auf der einen Seite kann ich die frohe Botschaft verkünden, dass man noch gute Wurst bekommt. Es gibt Spezialitäten wie die nordhessische Ahle Wurscht, die lag schon bei meiner Oma auf dem Graubrot. Diese Wurst wird geschützt, weil sie einzigartig ist, weil sie in dieser einen Region aus einer langen Hausschlachttradition entstanden ist. So entstanden auch viele andere Würste, die fast vergessen sind, etwa Zungenwurst oder Schlackwurst. Für mich sind das Künstler am Darm.
 

Auf der anderen Seite sage ich: Für diesen Genuss müssen wir kämpfen. Wenn wir so etwas auch in Zukunft kaufen möchten, dann müssen wir den richtigen Preis dafür bezahlen, also nicht 1,50 Euro, sondern fünf oder sieben oder zehn Euro. Nur so schätzen wir die Arbeit, die dahinter steckt. Sonst werden wir irgendwann eine standardisierte Wurst haben, die zwar noch wie eine Wurst aussieht, aber im Kern nichts mehr mit unserem kulturellen Erbe zu tun hat.


"Wenn wir immer nur auf den Preis gucken, wird es auch immer nur darum gehen", so der Berliner Kommunikationsdesigner und Food-Aktivist Hendrik Haase.


taz: Was ist politisch am Sauercrowden?

Haase: Im Grunde ist das doch das Revolutionärste, was man tun kann: seine eigenen Lebensmittel herstellen. Das ist eine Antwort auf das Lebensmittelsystem, das uns umgibt, das wir kritisieren, bei dem wir die Kontrolle verloren haben. So eine Party ist etwas, was man tun kann, ohne dass es diese wahnsinnige Schwere hat, die ein Gastrosoph mal den „Fast-Food-Platonismus“ genannt hat. Ist das vegan, glutenfrei, bio, kalorienarm, sonst was? Essen ist oft erst einmal ein Problem. Das ist eine Einstellung, die ich gern vom Tisch haben würde. Essen ist im besten Fall erst einmal Befriedigung. Lass doch mal die Sau raus. Und wenn es beim Sauercrowden ist.


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